Wilhelm Neurohr

Leserbrief an die Ruhr-Nachrichten:

Vollendet der 16. Verkehrsminister die „Bahnreform“?

Mit Steffen Bilger (CDU) tritt nun der 16. Bundesverkehrsminister seit 1990 an, um die vor 35 Jahren ausgerufene, aber weitgehend misslungene „Bahnreform“ zu vollenden. Fünf Verkehrsminister stellte seither die CDU, fünf die SPD, vier die CSU und einen die FDP, und alle haben bei der Bahnreform offensichtlich versagt. Jetzt ist wieder die CDU an der Reihe.

Im gleichen Zeitraum hat es sechs hochbezahlte Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn (bzw. ihrer Vorgängereinrichtungen Bundesbahn/Reichsbahn) mit Millionengehältern gegeben, von denen drei vorzeitig mit Millionenabfindungen abtreten mussten. Ebenso mussten weitere unqualifizierte Vorstandsmitglieder mit Gewerkschafts- oder Parteibuch nach kurzer Zeit mit hohen Abfindungen wieder gehen, wie wir uns erinnern. Die unter ihnen tätigen 6.000 Bahndirektoren als „Wasserkopf“ wurden auf 20.000 Manager erhöht, die nun von Bahnchefin Frau Pallas wieder abgebaut werden. Der damalige Lokführer-Gewerkschaftsboss Klaus Weselsky sprach von „Nieten in Nadelstreifen“ im Bahnvorstand.

Für die Bahnkunden und Bahnbeschäftigten klaffen Anspruch und Wirklichkeit der Konzernpolitik der Bahn weit auseinander. Ganze Generationen von verantwortlichen Verkehrsministern seit der Wiedervereinigung 1989 haben das Dilemma der bundeseigenen Bahn AG nicht zu beheben vermocht – nun heißt für die leidgeprüften Bahnkunden der Hoffnungsträger Steffen Bilger?

Seit dem kläglich gescheiterten Börsengang der Bahn - mitsamt Stilllegung vom 16% der Strecken (5.400 km) und Abbau von 35% des Personals - erhält die Bahn inzwischen jährlich Milliardenbeträge vom Staat für ihre überfälligen Sanierungen. Das ist vor allem die Hinterlassenschaft des von Kanzler Schröder angeheuerten vorherigen Luftfahrt- und Rüstungsmanagers Mehdorn und seines Nachfolgers Rüdiger Grube, die unsere einstmals funktionierende gemeinnützige Staatsbahn in eine privatrechtlich organisierte Aktiengesellschaft verwandelten, die nunmehr vom Verkehrsminister und seinem Aufsichtsrat beaufsichtigt wird. Zuvor wurde der Bahn gehörendes Volksvermögen an Private verschleudert und später 15 Mrd. € für das unsinnige Großprojekt Stuttgart 21 abgezweigt.

Mit rigorosem Personalabbau seit 1994 (und heutigem Personalmangel) wurde die „Bahnreform“ auf dem Rücken der Beschäftigten und der Fahrgäste mit desaströsem Ergebnis und ständigen Fahrpreiserhöhungen durchgeführt, zu Lasten der Pünktlichkeit, der Sicherheit und Sauberkeit, des Service und der Versorgung in der Fläche sowie mit dem unerträglichen Baustellenchaos. Das Gemeinwohl und die Mobilität kommt unter die Räder, wenn im Verkehrsministerium und Bahnvorstand nicht völlig umgedacht und umgesteuert wird.

Wilhelm Neurohr

Haltern am See